Charity Looping?

Gedanken zum „Grünschleifentag“

Jeder Tag eines Jahres scheint, neben den bekannten kirchlichen und weltlichen Feiertagen, dem Erinnern an ein besonderes Ereignis oder der Bewusstmachung eines gesellschaftlich relevanten Themas gewidmet zu sein. Ich sehe diese kalendarische Fokussierung mit gemischten Gefühlen, da einerseits die Schwerpunkte fraglos wichtig und tatsächlich denkwürdig sind, sich aber auf der anderen Seite das Empfinden etabliert, sich die restlichen 364 Tage des Jahres von diesen Problemen abwenden zu dürfen, ja, zu müssen, da an so vielen Baustellen Achtsamkeit gefordert wird! 

Eingebettet in eine ganze Woche (08.-18.10.) mit diesem Themenschwerpunkt, ist am Sonntag, den 10. Oktober der »Welttag der seelischen Gesundheit«, auch »World Mental Heath Day«, symbolisiert durch die grüne Akzeptanz-Schleife. Auch ich trage sie, wie auch schon fast mein ganzes Leben hindurch die Last einer psychischen Behinderung. Ich sage bewusst ‚Behinderung‘, da meine soziale Phobie und chronische Angsterkrankung mit Panikattacken mich buchstäblich an einem freien und selbstbestimmten Leben hindert

Es ist erfreulich, mit angeregt durch einen solchen Tag, nach Jahrzehnten des Versteckens zu erleben, wie offen über psychische Handicaps und Erkrankungen inzwischen gesprochen werden kann und Betroffene auch für psychische Beeinträchtigungen selbstbewusst ihre eigene Art der Barrierefreiheit einfordern. Doch erreichen wir tatsächlich ein breites Interesse für diese Thematik in der Öffentlichkeit oder informieren sich Erkrankte nur untereinander, nach dem plakativ vereinfachten Motto, erzählst du mir von deinem Burnout, berichte ich über meine Depression? 

Nach wie vor erlebe ich im Alltag, dass mein Umfeld meine komplette Heilung erwartet. »Ach, ‚das‘ hast du immer noch? Ehrlich gesagt, kann ich mir das gar nicht vorstellen. Ich könnte das nicht, so lange zu Hause zu bleiben, so ohne Urlaub und so.« Dann bin ich sicher, dass an den vermittelten Informationen etwas falsch ist. Unsere Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, für jedes Weh ein Mittel parat zu haben und duldet schwerlich die Einsicht, dass es das nicht in jedem Fall geben kann. Corona hat die Welt übel gebeutelt und wird uns vermutlich noch lange Zeit begleiten, aber wir sind dennoch zuversichtlich davon ausgegangen, eines Tages den passenden Impfstoff als Waffe auffahren zu können. Hat ja, der forcierten Forschung sei Dank, soweit geklappt! Wieder speichern wir den vermeintlich erfolgreichen Sieg über eine Krankheit ab. Doch desto schwerer tun wir uns mit den (noch) unbesiegbaren, von denen es zahlreiche gibt.

Ich bin eifrige Leserin und blicke mit gemischten Gefühlen auf einen Buchmarkt, der überquillt von interdisziplinären Heilungsversprechen für seelisch Leidende, wenn diese nur bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern. Neulich begegnete mir sogar ein Kochbuch für psychisch Erkrankte. Hhm, Wurzelgemüse für das Gefühl der Entwurzelung? Feurig Gewürztes gegen Burn-out? Sauer-macht-lustig-Gurkentöpfchen für Depressive? Kalorienbooster bei Essstörungen? Energy-Food für Paniker, damit sie schneller weglaufen können? Fies interpretierte Bilder entstanden in meinem Kopf. Unbestritten ist: Leichte Wege aus Krisen heraus gibt es nicht! Und viele Erkrankte erfahren durch fachliche (!) Hilfe Besserung oder sogar dauerhafte Heilung, aber oft bleibt trotz energischer therapeutischer Maßnahmen einzig die Akzeptanz. Nicht die negative Resignation, sondern das sachliche Anerkennen, gänzlich andere Bedingungen für unsere Alltagsgestaltung, unseren Lebensentwurf zu benötigen, samt entsperchender Forderungen an unser Umfeld, an einer Verbesserung oder Veränderung mitzuwirken. Egal welche Ereignisse uns zuweilen aus der ursprünglichen Lebensbahn werfen, wir müssen lernen, uns ihnen zu stellen. In vielen Fällen ist eine deutliche Linderung der Symptome möglich, in leichteren können wir unter Umständen mit geänderter, bewusster Einstellung und Arbeit Positives bewirken und mit einigen müssen wir uns ähnlich arrangieren lernen wie ein körperlich Versehrter mit dem Verlust oder Ausfall eines Organs oder Körperteils. Für diesen langwierigen Prozess benötigen wir menschliche Unterstützung und breit gefächerte Öffentlichkeitsarbeit. 

Fast jeder Bürger hat heute durch die beharrliche Aufklärung eine ungefähre Vorstellung von der Dramatik einer Krebs-Diagnose für Betroffene und ihre Angehörigen, aber von denen, die es nicht selbst erlebt haben haben die wenigsten eine Ahnung, wie sich eine Depression auf den Alltag auswirkt oder es sich beispielsweise anfühlt, über zwanzig Jahre trotz physischer Gesundheit das Haus nicht verlassen zu können, weder um arbeiten zu gehen, noch für Freizeitaktivitäten oder zur Pflege sozialer Kontakte? Wir benötigen weit mehr als eine Grünschleifenwoche pro Jahr, um aus dem jahrhundertealten Schatten der Tabuisierung herauszutreten!

Als Bloggerin lese ich natürlich auch etliche Posts und Beiträge und mir fällt auf, wie mitteilsam Menschen, nicht selten sogar bis an die Grenze der Beliebig- oder Erträglichkeit und darüber hinaus, geworden sind, seit die sozialen Netzwerke dazu verführen. Ich nehme mich nicht aus. Diese extreme Offenheit ist einerseits hilfreich, doch nur solange Inhalte auch gelesen und verstanden werden, denn gleichzeitig meine ich, gerade wegen dieser Informationsfülle ein wachsendes Aufmerksamkeitsdefizit wahrzunehmen. Texte werden nur überflogen, oft lediglich angelesen und es kommt zu fatalen Missverständnissen und überschneller Meinungsbildung oder Reaktion. Kurz, wir verinnerlichen Inhalte nicht ausreichend! Für eine wichtige politische oder gesellschaftsrelevante Aufklärung oder Information, um für mehr Verständnis, Toleranz, Respekt zu werben und Neugier zu wecken, ist das eine suboptimale Entwicklung! 

Wir benötigen über authentische und sachliche Informationen und Gespräche hinaus, im gleichen Maße, offene Sinne zum Verständnis des Anliegens. Redner ohne Zuhörer, Autoren ohne Leser, Hilferufer ohne Hilfeleistende sind wie Schauspieler ohne Publikum oder Restaurants ohne Gäste! Wir müssen täglich neu lernen, hinzuhören, hinzuschauen und nachzufühlen. Nicht nur in uns selbst, sondern auch in unser Umfeld, sonst verheddern wir uns in der (nicht nur) grünen Charity-Schleife und geraten ins Straucheln.

Mich führt diese Überlegung zu einer weiteren, einer traurigen Erkenntnis. Warum muss der Weg zur Empathie unserer Mitmenschen überhaupt über das sehr private Blankziehen, das Outing führen? Warum gelingt es uns nicht, wie im Gesetz, »in dubio pro reo« zu handeln und jedermann/jederfrau ein Grundvertrauen, Toleranz, Respekt und Nächstenliebe als Vorschuss zu zollen, bis bewiesen ist, dass es, was selten vorkommt, jemand nicht verdient? Das klingt naiv und doch täten wir uns im Alltag leichter mit dieser Einstellung, denn unbestritten ist, dass die Mehrheit diese Akzeptanz auch dann verdient, wenn wir keine intimen Lebensdetails kennen. Misstrauen und Verachtung sind nicht, wie oft behauptet wird, allein im Fremden, Unverstandenen verwurzelt, sondern in uns selbst, in einer überkommenen Moralvorstellung oder Vorurteilen, die wir selbst mitbringen. Können wir nur noch jemanden verstehen und uns ihm nahe fühlen, wenn wir ihm/ihr buchstäblich zu nahe treten und voyeuristisch auf ‚die Pelle rücken‘?

Die grüne Schleife steht für mich eher für ein grünes Ohr und bedeutet Toleranz und Empathie auch OHNE bloßgelegte Seele oder Kenntnis privatester Geheimnisse. Zuhören und Annehmen OHNE Wertung der jeweiligen Schleifenfarbe, die uns begegnet und gegen den sarkastisch zur Schau getragenen Trend »Ich hasse Menschen«, der eigentlich nur zementiert, wie dumm ich selber bin, weil ich mich gegen Wissen und persönliche Entwicklung sperre. Nicht zuletzt gemahnt mich ein grünes Ohr, auch ab und zu in mich selbst hineinzuhören, und meine eigene Krankheit anzunehmen.

Happy Green-Loop-Ribbon-Day Euch allen! 💚

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