Literaturagenturen – Heilige Kühe?

„Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“ oder „Frechheit siegt“.

Literaturagenturen sind die heiligen Kühe des ‚Bookiversums‘. Verehrt, unantastbar, unfehlbar in ihrem Urteil – ein Tabu, an dem zu rütteln gefährlich ist, glaubt man den, wie Tintlinge aus feuchtem Waldboden schießenden, Schreibratgebern und Workshops derer, die einmal erfolgreich die Zuneigung dieser Institution gewinnen konnten. Um als Neuling in der Mitbewerberflut herausgefischt zu werden, sollte schon allein das Anschreiben mit Pitch und Originalität die Wirkung eines adipösen Regenwurms am Ende einer Angel haben.

»Bitte sehen Sie von Nachfragen nach dem Bearbeitungsstand ab.«

»Aufgrund der Vielzahl der Manuskriptangebote sichten wir nur noch auf persönliche Empfehlung.«

»Wir bitten um Verständnis, dass wir derzeit keine Kapazität mehr haben, um neue Manuskriptangebote zu prüfen.«

»Derzeit nehmen wir keine neuen Autoren auf.«

»Wir suchen derzeit Manuskripte mit Themenschwerpunkt … Bitte senden Sie uns darüber hinaus keine Anfragen.«

»Wegen der Menge uns täglich unverlangt erreichender Manuskriptangebote, können wir weder eine Eingangsbestätigung, noch eine Absage senden. Sollten Sie innerhalb der Bearbeitungsfrist von etwa … Wochen nichts von uns gehört haben, hat es leider nicht gepasst.«

»Bitte prüfen Sie vorab gründlich, ob Ihr Manuskript in unser Angebot passt.« 

»Da wir uns intensiv und exklusiv für unsere Autoren einsetzen wollen, teilen Sie uns bitte mit, ob und welcher/welchem Agentur/Verlag Sie Ihr Manuskript noch vorgestellt haben.«

Zitatauswahl unterschiedlicher Agentur-Webseiten

In den vergangenen Wochen habe ich etliche Webauftritte unterschiedlicher Literaturagenturen besucht und mich gründlich umgeschaut. Ich fand junge, frische Seiten, die die überbordende Dynamik ausstrahlen, die sie selber erwarten und andere mit dem intellektuellen Charme altehrwürdiger Bibliotheken, die aus ihrem hohen Anspruch an ihre Klienten  keinen Hehl machen und mit frostiger Sprache und imponierenden Doktortiteln jeden Verfasser schnöder Mainstream-Belletristik harsch verschrecken. Wieder andere hoffen, dass ihr extrem, bezeichnen wir es mal positiv ‚puristischer‘, Auftritt, sie von der legendären Flut unverlangt eingesandter Manuskripte bewahrt, genau wie die, zum Glück seltenen, nicht funktionierenden Webseiten, die im »Ups, hier ist etwas schiefgegangen!« enden.

Trotz ihrer beruflich bedingt hohen Affinität zu Sprache und Ästhetik kochen sie also bezüglich der eigenen Präsenz im Net auch nur mit Wasser. (Nebenbei, das trifft auf das digitale Erscheinungsbild vieler Verlage ebenfalls zu, ist jedoch ein anderes Thema.)

Der grobe Aufbau mit dem Startseitenfoto eines aufgeklappten Buches (das hab´ ich noch nie gesehen!) und den Reiterchen für Agentur-Team, Autoren, Verlage, Kontakt, ist nahezu identisch. Ähnlich auch die Anforderungen an die, ach so verpönten, üblen und lästig unverlangt eingereichten Manuskripte, die, wenn sie schon sein müssen, selbstverständlich in makellosem, fehlerfreien Deutsch (am besten, sie haben schon etliche Vorkorrektorate durchlaufen) und mit einer meeresfrischen, innovativen und unverbrauchten Sprache (ich benutze meine leider seit über sechzig Jahren und es ist immer noch die erste) verfasst, einfach sofort »bähm! – flashen« müssen. 

Das ist der Moment, zu betonen, dass ich das Dilemma durchaus verstehe! Salopp gesagt: Es gibt mehr Patronen als Wildschweine! Trotz des gepredigten literarischen Anspruchs ist auch der Buchmarkt bloß ein Markt, auf dem die gleichen merkantilen Gesetze gelten wie für jeden anderen. Die Leserschaft schmilzt wie die Gletscher im Klimawandel, wohingegen die Zahl der sich zum Schreiben Berufenen aus vielerlei Gründen steigt. Ein Buch in einem Publikumsverlag unterzubringen, klappt nur mit Literaturagenturen als Partner, die inzwischen jedoch nur Autoren betreuen, die schon veröffentlicht haben. Paradoxon? Nonsens? Nein, kaufmännisches Gesetz! Agenturen sind hier die notwendigen Kupplungen, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller und einen passenden Verlag zusammenschalten und betreuen. Leider geht die Rechnung nicht zugunsten der Manuskripte auf, denn die Gleichung gibt es nicht her, die Zahl der Angestellten in den Agenturen der vorgeblichen Masse der Anfragen anzupassen, da die die gegenüberliegende Seite Verlage/Leser/Buchverkäufe das nicht ermöglichen kann.

Die Idee, lieber Agenturen zur Lesergewinnung zu fördern, führt vom Thema ebenso fort, wie das Ins-Spiel-bringen der Selfpublisher-Option oder der Versuch einer Klärung der Hintergründe für das veränderte Leseverhalten, denn meine Absicht ist an dieser Stelle eine andere. Eine viel schlichtere, eine menschlichere Komponente.

Ich bin eine der Patronen, die gerne ein Wildschwein fände, um im genannten Bild zu bleiben, und schiebe dafür die sachlichen Argumente, warum Agenturen Floskeln und Formulierungen wie die eingangs zitierten verwenden müssen, mal keck beiseite. Was bleibt, ist mein Missmut über die offensichtliche Arroganz und/oder die mangelnde Empathie im Umgang mit den Verfassern, die ihre Manuskripte vorstellen. Ohne Frage habe ich eine vage Vorstellung davon, wie nervtötend eingehende Prüfungsanfragen oder wie »unterirdisch« sie stilistisch unter Umständen sein können (ich nehme meine nicht aus), aber zumindest den Respekt, den Agenten zu Recht für sich und ihre Arbeit einfordern, sollten sie im Gegenzug zu zollen bereit sein.

In einigen Schreib-Foren las ich ehrfürchtige, fast unterwürfige Rechtfertigungen für dieses Verhalten, die ich nicht teile. Debütanten, neue Jungautoren oder Möchtegern-Autoren sind keine gering zu schätzenden Bittsteller, nur weil sie derzeit zahlenmäßig überwiegen und Agenturen und Verlage aus dem Vollen schöpfen können. 

Viele Agenturen hätten durchaus die Ressourcen, zumindest ‚Copy and paste‘-Absagen via Email zu versenden und auch eine automatische Eingangsbestätigung. Es gibt genreabhängig (bzgl. der Aktualität eines Themas) Zeitgründe, das zu tun, was das Gros der Schreibenden ohnehin schon macht – es versendet gleich ein ganzes Rudel Anfragen, ohne das explizit zu erwähnen. Es ist absurd und überheblich, von den Einsendern der Manuskripte eine  exklusive Geduld einzufordern, wochenlang (womöglich wurden die Unterlagen längst eingestampft) auf ein Ereignis zu warten, das wahrscheinlich nicht einmal eintreffen wird, nämlich die Bitte um Zusendung des kompletten Manuskripts. Vier, sechs, acht, zwölf Wochen – das sind die geläufigsten Bearbeitungszeiten. Überhaupt kein Problem, aber es muss legitim sein, gleichzeitig mehrere »Eisen im Feuer« zu haben. Wurde ein Verlag kontaktiert, so verstehe ich den Grund für die Benennung durchaus, aber warum sollte ich eine Liste der Mitbewerber-Agenturen anfertigen? Diese Auswahl ist eine höchst private mit ganz persönlichen Auswahlkriterien. Die Agentur, die das komplette Manuskript anfordert und ggf. sogar letztlich als erste annimmt, hätte dann fairerweise natürlich gewisse Vorrechte.

Es geht um gegenseitige menschlichen Wertschätzung und Achtung. Jemand schreibt ein Manuskript und erwartet zunächst nicht mehr, als überhaupt wahrgenommen zu werden, wenn sie/er eine Agentur auswählt und anschreibt. Im ersten Versuch habe ich beispielsweise neun Verlagsagenturen angeschrieben. Zu meinem Erstaunen erhielt ich von zweien sofort eine automatisierte Erhaltsbestätigung und etwas später zwei kurze Standardabsagen. Drei weitere sind Absagen aufgrund abgelaufener Bearbeitungsfristen, die anderen werden in Kürze aus demselben Grund folgen. Zweimal formell kultiviertes Verhalten kontra sieben. Ich werde dann auf die Letzten insgesamt acht Wochen geduldig gewartet haben, glaube aber, dass das Nichtinteresse schon wesentlich früher feststand. Warum soll ich bei einem weiteren Versuch, die vorangegangenen namentlich und im Ergebnis benennen? 

Wer sich um einen Ausbildungsplatz als Dachdecker bewirbt, von dem erwartet man den Versand von ´zig Vorstellungsmappen, ohne eine Liste abzufordern, bei wem man sich sonst noch beworben hat. Kommt es zum Gesprächstermin fordert man vom künftigen Auszubildenden Pünktlichkeit und höfliche Umgangsformen und hier sollte der Auszubildende mit Fug und Recht erwarten dürfen, dass man ihr/ihm ein Absage mitteilt (leider auch in diesem Beispiel bedauerlicherweise eher die Ausnahme!), zumal die Unterlagen und deren Versand aufgrund der absurden Anforderungen tiefe Breschen ins Budget der Bewerber schlagen.

Das Problem ist weder die Absage noch die Wartezeit an sich. Aber ich bin, möglicherweise altersbedingt, der festen Überzeugung, dass ein Unternehmen, egal welcher Art, sich negativ präsentiert, wenn es auf hohen Ross sitzend nicht einmal den geringsten Stand der Höflichkeit erfüllt. Dazu gehört eine freundliche Absage, meinetwegen gerne eine Standardphrase.

Wer Zeit findet, Praktikanten mit dem Posten von 08/15 Social-Media-Werbung zu betrauen, einen flüchtigen Blick auf den überquellenden Eingangskorb der Emails zu werfen, muss es schaffen, eine knappe Absage zu formulieren, da sie zum To-do des Berufsprofils gehört. Genauso würde ich mir einen mitfühlenderen Fokus auf Webseiten-Formulierungen (professionelle Webdesigner helfen sicher gerne) wünschen, der dem Verhältnis Agentur und Autor/Autorin den bettelnden, oft kriecherischen Charakter nimmt. Agentur-Unternehmen fordern ihren Manuskript-Einsendern schließlich eine ganze Menge mehr ab, oder? Ermutigende, wenn auch zu wenige, Ausnahmen machen Hoffnung und vielleicht können nicht nur wir Schreiberlinge voneinander lernen an Agenturen qualitativ optimal heranzutreten, sondern auch die Agenturen untereinander, den Manuskripteinsendern mit höflichem Respekt zu begegnen? Dann klappt´s mit der werblich gerne vollmundig angepriesenen Partnerschaft auf Augenhöhe tatsächlich!

Womöglich ist ein Manuskript eher einem Lotterie-Los vergleichbar und wir Verfasser können, sofern wir zuvor unser Bestes gegeben haben, lediglich auf ein Quäntchen Glück vertrauen. Zwar bin ich keine Spielernatur, aber hofft nicht sogar der simple Bürger bei einer weit mieseren Chance von 1:140.000.000 auf seinen Lottogewinn?

Derzeit gibt es kaum Blog-Traffic hier, weil viele dem neuen, impfeuphorischen Outdoorerleben frönen, aber wer noch da ist, vielleicht sogar eigene Erfahrungen mit Agenturen teilen möchte, darf sich gerne in den Kommentaren auslassen. Ein Insidertipp, der uns Unwissenden verrät, über wieviele unverlangte Manuskripteinsendungen pro Tag oder Woche oder Monat wir überhaupt reden, wäre immens hilfreich! Springtide? Tsunami? Sintflut?

Ich würde mich freuen! 😇 (Heiligenschein nur themabezogen)

(Titelfoto von Simon auf Pixabay – vielen Dank!)

2 Kommentare zu „Literaturagenturen – Heilige Kühe?

  1. Liebe Heather,

    es scheint fast aussichtslos, nicht wahr?
    Was meine Erfahrungen betrifft, so habe ich es nicht einmal versucht, bei Verlagen oder Agenturen anzufragen. Ausnahme „In der sibirischen Kälte“ (Karina-Verlag, Wien). Aber auch da bin ich über Irrwege gelandet (lange Geschichte). Richtig zufrieden bin ich mit dem Verlag nicht und soweit ich weiß, nimmt Karina derzeit keine neuen AutorInnen an.
    „Andersrum“ (Neuausgabe) habe ich selbst veröffentlicht (über Neobooks, sprich e-Publi).
    Das Gute daran – ich kann immer wieder Änderungen vornehmen, wenn ich einen Fehler entdecke. Die Cover für beide Bücher hat derselbe Illustrator erstellt. Das Negative – Neobooks machen viele Versprechungen, was die Vermarktung angeht, angeblich arbeiten sie mit renommierten Verlagen zusammen und man könne ein Exposé einstellen, das dann an die Verlage weitergeleitet wird. Habe ich auch gemacht – mit 0 Reaktion.
    Ich vermute, das sind nur leere Versprechungen, denn es tut sich auf der Neobooks-Platform rein gar nichts.
    Aber gut – ich bin mit mir selbst und meinem Büchlein zufrieden. Ab und zu wird es gekauft und die Feedbacks sind großartig. Es gibt eine alte Ausgabe von „Andersrum“ vom Verlag Sarturia, den Vertrag mit dem Verlag habe ich selbst gekündigt (auch eine lange Geschichte). Davon solltest Du ebenso lieber die Finger lassen.
    Ich kann Dir nur Glück wünschen auf Deinem steinigen Weg. Ich glaube, nur damit kannst Du etwas bei einem Verlag oder einer Agentur erreichen – mit viel Glück.

    Herzliche Grüße
    Rosa

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, liebe Rosa, für Deinen netten ermunternden Kommentar!
      Was mich zu dem etwas bissigen Beitrag führte, ist weniger meine persönliche Geschichte, als eine ganz allgemeine Betrachtung darüber, wie herablassend mit den Träumen vieler Schreibenden umgegangen wird. Nicht selten jagt gerade dieses eingefahrene, nie hinterfragte oder kritisierte Geschäftsgebaren naive Verlagssuchende in die weit geöffneten Arme der DKZVs, Pseudoverlagen, die profitgierig mit falschen Versprechen locken und denen, die ihr eigenes gedrucktes Buch ersehnen nur rücksichtslos das Geld für Druckkostenzuschüsse etc. aus der Tasche ziehen. Wer träumt, verliert schnell den Boden der Realität unter den Füßen.

      Selfpublishing ist hingegen ein ganz anderer Weg, über den ich vielleicht auch ein andermal schreiben will, da ich diesen Weg schon einmal gegangen bin.

      ich würde mir im Literaturbetrieb nur einen deutlich sensibleren Umgang mit der tatsächlichen „Quelle“ wünschen. Storyteller liefern die Geschichten, die gedruckt, gekauft und hoffentlich gelesen werden! Seifenblasen platzen von allein, auch ohne Agenten-Hornissen, die oft nur elitär oder selbstherrlich schmerzhaft zustechen, einfach weil sie´s können.

      Für mein Projekt habe ich mir mit der Suche bis zum Jahresende ein Zeitlimit gesetzt, schreibe währenddessen an einem Roman und werde im neuen Jahr über das Selfpublishing nachdenken. Wir werden sehen!

      Ganz liebe Grüße,
      Heather

      Gefällt 1 Person

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