Einfache Fahrt

Kurzgeschichte zum 🕯🕯. Blog-Geburtstag

Der resolute Triller aus der Pfeife Typ 57 der Deutschen Bahn lĂ€sst keinen Zweifel darĂŒber, dass die rotbemĂŒtzte Zugaufsicht AutoritĂ€t hat. Die Treibstangen der Dampflok rutschen kurz durch, doch in aller GemĂ€chlichkeit beginnt das Kraftpaket, den kurzen Personenzug aus dem Bahnhof zu ziehen. Der Schaffner springt im letzten Augenblick geĂŒbt auf den Stufenrost unterhalb der offenen WagentĂŒr und zieht den schweren Schlag hinter sich zu. Es sind nur wenige FahrgĂ€ste eingestiegen, denn der vormalige Reichsbahnwagen ist soeben erst neu zusammengestellt worden und soll unterwegs buchstĂ€blich Zug um Zug erweitert werden. Der Schaffner durchmisst den engen Korridor vor den beiden Erste-Klasse-Abteilen, bittet um die Fahrkarten, knipst ein Loch hinein und wĂŒnscht höflich eine gute Fahrt. Hinter der TĂŒr einer Trennwand befindet sich die offene zweite Klasse, in der sich rehbraun bezogene Kunststoff-SitzbĂ€nke um passend braun marmorierte Resopaltische mit abgerundeten Ecken gruppieren. Noch sitzt hier niemand.

Der Zug wird lange unterwegs sein, wenn alles fahrplanmĂ€ĂŸig klappt, also setzt er sich nahe dem Ausgang in eine Ecke am Fenster und schaut mit zitternden Augen der monoton vorĂŒbergleitenden Landschaft nach. Sie ist flach wie eine Schale mit Vogelsand, gespickt mit unzĂ€hligen Seen und NadelwĂ€ldern. Reizlos fĂŒr den flĂŒchtigen Blick Fahrender, aber reizend fĂŒr Aussteiger. Es gibt Regionen, das weiß er, da fĂ€hrt man am besten schnell hindurch, schließt vielleicht sogar die Augen dabei, und es gibt andere, fĂŒr die mĂŒsste man sich mehr Zeit lassen, als ein sie Reisender gewöhnlich hat, und wieder andere machen es jedem Betrachter allzu leicht, sie auf den ersten Blick ins Herz zu schließen. Der Schaffner kennt den genauen Fahrplan nicht, weiß nicht, wann, wo und wie lange der Zug hĂ€lt. Also ĂŒberlĂ€sst er sich dem einschlĂ€fernden Rhythmus der Schwellenmusik. RĂĄttatata …  rĂĄttatata … rĂĄttatata

Er muss höllisch aufpassen, denn nichts ist peinlicher als ein eingenickter Schaffner! Das könnte ihn glatt den Job kosten. Er steht vorsichtshalber auf, denn er fĂŒhlt jetzt in seinen Knien, wie der ZugfĂŒhrer allmĂ€hlich das Tempo zurĂŒcknimmt. So kĂŒndigt sich der nĂ€chste Halt an. Er freut sich, ein paar Schritte auf dem Bahnsteig laufen zu können und den Passagieren beim Ein- und Aussteigen mit dem GepĂ€ck behilflich zu sein. Er hilft und berĂ€t geduldig, hört zu und nimmt auch gelegentliche Beschimpfungen gleichmĂŒtig hin. Kurz, er liebt, was er tut.

Beim Bremsvorgang beschwert sich das Metall mit widerwĂ€rtigem Quietschen. Die Lok stĂ¶ĂŸt einen erleichterten Dampfschnaufer aus und erschreckt dabei ein paar Kinder auf dem Bahnsteig. In der ersten Klasse blieben alle im Abteil sitzen, aber die Kinder stĂŒrmen den offenen Abschnitt und balgen sich um die FensterplĂ€tze. RucksĂ€cke fliegen genauso umher wie Wortfetzen – die launige Kakophonie eines Klassenausflugs? Richtig, am Schluss steigen die beiden Begleiter zu, ein sehr junger Lehrer und eine Ă€ltere Kollegin mit eisengrauem Haarknoten. Beide haben ihre liebe Not, die AusflĂŒgler zu bĂ€ndigen, doch als die Fahrt fortgesetzt wird, sitzen alle und die ersten, vermutlich sogar noch in Sichtweite ihrer ElternhĂ€user, packen schon ihre Wegzehrung aus und mampfen Butterbrote oder beißen in Äpfel. Entweder hatten sie vor Aufregung nicht richtig frĂŒhstĂŒcken können oder genießen das Erleben eines gemeinsamen Mahls unterwegs.

Der Schaffner lĂ€sst sich das Gruppenbillett zeigen, lĂ€chelt verstĂ€ndnisvoll und setzt sich wieder in seine Nische. Die Natur zeigt sich abwechslungsreicher in ihrer Topologie. Kaum mehr WĂŒstungen, wenige Dörfer und stattdessen adrette KleinstĂ€dte inmitten  bewaldeter HĂŒgel, die sich mit Wiesen und Feldern abwechseln. In einigen grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten legt der Zug einen Halt ein, manchmal muss er auf einen Anschlusszug warten und der Schaffner kann in Ruhe etwas essen gehen oder sich die Beine vertreten. Inzwischen ist der Zug lĂ€nger geworden, fĂŒhrt sogar GepĂ€ck- und Frachtwagen an seinem Ende mit. Weil nun die Passagiere hĂ€ufiger wechseln, ist auch seine TĂ€tigkeit anspruchsvoller. Seine ganze Konzentration ist gefordert, um die AblĂ€ufe reibungslos und vor allem sicher zu gestalten. Bei den Reisenden der ersten Klasse hat sich wenig geĂ€ndert. Etwas irritiert nimmt er zur Kenntnis, dass zwar neue FahrgĂ€ste hinzugekommen sind, aber auch einige ausgestiegen sein mĂŒssen. Dieser Abschied muss den ZurĂŒckgebliebenen schwergefallen sein, denn auf einer seiner Kontrollrunden sieht er TrĂ€nen in ihren Augen glitzern. Als er einem Kollegen, den er auf einem der Bahnhöfe trifft, darauf anspricht, antwortet dieser: »Ja, ja, das kommt in allen ZĂŒgen vor!«

Die Reise dauert lange und deshalb schlĂ€ft der Schaffner in einem eigenen Abteil mit ausklappbarem Wandbett in einem der neu angekuppelten Wagons. RĂĄttatata …  rĂĄttatata … rĂĄttatata … ist sein Wiegenlied. Er ist sogar Herr ĂŒber einen eigenen Waschraum und im Speisewagen, der sich der stĂ€hlernen Formation angeschlossen hat, erhĂ€lt er jederzeit freie Kost.

Signale, stillgelegte BahnwĂ€rterhĂ€uschen, Stellwerke, Tunnel, Schranken, entgegenkommende ZĂŒge ziehen an den von Ruß, Staub und Regen blind werdenden Scheiben vorĂŒber. Mitunter sieht er Menschen an der Strecke winken. Das taten sie frĂŒher wesentlich hĂ€ufiger, besonders bei dem seltenen Ereignis, neben einem anderen Zug in einen Bahnhof einzufahren. FĂŒr die Landschaft hat er kaum noch Interesse, wie das so ist, wenn etwas Gewohnheit wird. Man nimmt Schönheit nicht mehr wahr. Staunen ist ein höchst flĂŒchtiger Stoff. Als ihm das bewusst wird, erfasst ihn eine jĂ€he Welle der Melancholie und er stĂŒrzt sich zur Ablenkung umgehend wieder in seine Arbeit. Irgendein Gast hat immer ein Problem, bei dessen Lösung er beistehen kann oder eine Frage, die seine Antwort erfordert. Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn man nicht nachdenkt und  stur der Routine mit ihren langen KontrollgĂ€ngen folgt. Die versetzt ruckelnden Bleche ĂŒber den Kupplungspuffern der einzelnen Wagons, versetzen ihn dabei nicht nur ins Schwanken, sondern auch Verwunderung, denn es werden immer noch mehr. 

Große Pannen oder gar UnfĂ€lle gab es bisher zum GlĂŒck nicht, nur kleine Störungen, wie sie bei jeder Langstrecke vorkommen. Einmal hatte er allerdings tatsĂ€chlich befĂŒrchtet, der Zug könnte entgleisen, denn die Kombination aus einer offensichtlich zu spĂ€t gestellten Weiche und der nicht angepassten, zu hohen Geschwindigkeit war durchaus kritisch. Doch die FahrgĂ€ste hatten nicht den Hauch einer Ahnung, wie knapp sie womöglich einer Katastrophe entgangen waren. Zu VerspĂ€tungen kam es dennoch, die jedoch vom ZugfĂŒhrer immer wieder geschickt ausgeglichen wurden, so dass sie den Fahrplan einhielten. Alle Mitfahrenden freuen sich ĂŒber PĂŒnktlichkeit, besonders die, die einen Anschlusszug erwischen mĂŒssen.

Seine Eisenbahnerknie verraten ihm, dass mit zunehmender ZuglĂ€nge die Geschwindigkeit nachlĂ€sst. Und das, obwohl zwischenzeitlich die muntere Dampflok gegen ein moderneres und stĂ€rkeres Dieselmodell ausgewechselt worden war. Die GĂŒterwagons sind zum Bersten voll und schwergewichtig, wohingegen sich die Abteile fĂŒr die Personenbeförderung im ‚Gegenzug‘ – ha, ha! – von Station zu Station zu leeren. Niemand steigt mehr zu, so als habe der Zug sein Ziel verloren. Weil er ein im positiven Sinne neugieriger und empathischer Mensch ist, bemerkt der Zugschaffner feine VerĂ€nderungen im Verhalten der verbliebenen Reisenden, in ihrer Sprache und ihrem Miteinander im Zug. Nein, Streits, Raufereien oder Vandalismus duldet er natĂŒrlich unter keinen UmstĂ€nden. In seiner Grundausbildung hatte man mit ihm und seinen Kollegen Taktiken zur Krisenintervention trainiert. 

Als er zu einem neuen Kontrollgang aufbricht, stutzt er. Ja, war er die letzten Kilometer mit Blindheit geschlagen? Die zuletzt angekuppelten Wagen verfĂŒgen ĂŒber keinerlei Innenausstattung mehr! Vollkommen leer und kahl sind sie – wie hohle ZigarrenhĂŒlsen auf RĂ€dern und er wundert sich nicht, dass niemand mehr zusteigt. Aber trotzdem muss die Lok diesen nutzlosen Ballast ziehen.

Vielleicht tĂ€uscht der Eindruck ihn und kommt in Wirklichkeit von dieser tiefen MĂŒdigkeit, die ihn seit kurzem befallen hat, eine von der Sorte, der nicht mit ausreichend Schlaf beizukommen ist. Sie infiltriert ihn auf eine ungute Weise und wechselt sich ab mit dem ĂŒbermĂ€chtigen Drang, Dinge außerhalb dieses Zuges zu erleben, in dem er jetzt – verflucht, wie lange schon? – immer dasselbe tut. Das Schienennetz wird zum klebrigen Spinnennetz und er fĂŒrchtet die lauernde Spinne. Manchmal möchte er dem Impuls folgen, einfach aufzuspringen, um den roten Griff der Notbremse zu ziehen! Dann greift wieder die lĂ€hmende Beklemmung nach ihm, weil er fĂŒhlt, dass sich der Zug, der sich wie eine Python durch das Land windet, seinem Zielbahnhof nĂ€hert.

Die Lok wird in den Sackbahnhof einfahren und die Reise am Prellbock enden. Ein letzter Abpfiff und Aufruf mit der Bitte an die letzten Reisenden der ersten Klasse, den Zug zu verlassen. Sie werden ihr GepĂ€ck zusammensuchen, nach Vergessenem Ausschau halten und aussteigen. Auf dem Bahnsteig werden sie dem Zug einen letzten wehmĂŒtigen RĂŒckblick ĂŒber die Schulter schenken, doch sich dann umdrehen und zielstrebig dem Ausgang entgegeneilen. Die Wagons werden abgekuppelt, die Fracht weiterverteilt und von anderen ZĂŒgen ĂŒbernommen. In aller Deutlichkeit erkennt der Schaffner jetzt, dass der Zug kurz vor seiner endgĂŒltigen Ausmusterung steht. Eine moderne, starke Rangierlok wird die alte Lok abholen, da ihre Energie nicht einmal mehr ausreicht, um den Bahnhof zu verlassen. Sie wird nie wieder irgendwohin fahren. Nicht einmal einen Kurztrip wird man ihr zutrauen. Keine neuen Ziele erwarten sie und gemeinsam mit den  unerreichten wĂŒrden sie zu Ă€therischen TrĂ€umen werden, bereit ihnen auf einem unkrautĂŒberwucherten Abstellgleis unter einem grabsteingrauen Himmel nachzuhĂ€ngen. Endstation. Zerstörerischem Rost preisgegeben, der sich dort am wohlsten fĂŒhlt, wo salzige TrĂ€nen auf altes Eisen treffen und zum rotbraunen Blut des Alters zerfließen.

Und was wird aus ihm, dem Schaffner werden? Wird er sich so wie der gesamte Zug in seine Bestandteile auflösen? Er hat es lĂ€ngst schon geahnt, denn schließlich wird jedem Zug stets nur ein einziger Schaffner fĂŒr eine Reise zugeteilt. Einfache Fahrt, ohne ZurĂŒck. Er reibt mit dem Ärmel seiner Uniformjacke ein Sichtloch in die beschlagene Scheibe und wirft einen prĂŒfenden Blick nach draußen. Ist das Ankunftsterminal schon in Sichtweite? Noch kann er nichts entdecken. Aber das GelĂ€nde ist wieder so flach, wie zu Beginn der Fahrt – er erinnert sich vage. Er sucht den Horizont ab. Ist das möglich? Kein Zweifel, er erkennt die Landschaft wieder. Da, die typische Kirchturmspitze, die vorwitzig aus den Wipfeln des KiefernwĂ€ldchens lugt! Sollte …? Er traut sich kaum, den Gedanken fertig zu denken. Also keine Fernstrecke, sondern eine … Rundfahrt! Diese lange Reise, bloß um Wagen an Wagen an Wagen zu reihen?

Der Zug verlangsamt sein Tempo, die Bremsen kreischen und der Schaffner liest den gespiegelten Namen der Bahnhofsstation:

TIEKGIWE.


© Inhalt urheberrechtlich geschĂŒtzt – Heather M. Kaufman 29.08.2021

(Titelfoto von jplenio auf pixabay – vielen Dank!)

3 Kommentare zu „Einfache Fahrt

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