Minimalistisch maximal glücklich

Glück bezeichnet den positiven, günstigen, glimpflichen oder auch ersehnten Ausgang eines Ereignisses. Glücklichsein oder Glückseligkeit ist hingegen ein freudiges, heiteres Gefühl, dass ereignisunabhängig auftritt und mit tiefer Zufriedenheit einhergeht. Es ist keinem äußeren Zufall unterworfen, denn es entsteht in unserem Inneren. Das Glück können wir nicht beeinflussen, aber das Glücksempfinden. Für jeden Menschen bedeutet es etwas anderes. Mein Glücklichsein ist nicht das gleiche, wie das eure und umgekehrt. 

Glücklichsein ist eng an unsere subjektive Wahrnehmung geknüpft. So scheint es logisch, wenn wir versuchen, unseren Alltag mit positiven Eindrücken zu fluten, um die schlechten, die uns unglücklich machen könnten, fortzuspülen. Wir wissen vage, was uns froh stimmt und ringen der ungeliebten Pflicht möglichst viel freie Zeit ab, die wir ganz nach unserem Gusto gestalten. Wir reisen, frönen unseren Leidenschaften, wir verbringen Gemeinsamzeit mit unseren Lieben oder suchen die ‚große Liebe‘. Andere holen sich ihre tiefe Zufriedenheit, indem sie Mitmenschen glücklich machen (das gilt nicht nur für den Weihnachtsmann und den Osterhasen – und nein, ich weigere mich, jetzt eine Weihnachtsfrau oder Osterhäsin miteinzuschließen.

Eine allgemein gültige Glücksformel gibt es nicht. Das Gefühl scheint uns unverhofft in den Schoß zu fallen (gelegentlich auch mal um den Hals), wenn wir am wenigsten damit rechnen und bleibt es aus, trägt niemand die Schuld. In Begleitung von Vergnügen treffen wir es entgegen aller Erwartung selten an, im Gegenteil – es liebt die Nähe von Leid und Traurigkeit. Nur wer davon gekostet hat, kommt möglicherweise in den Genuss des vollkommenen Glücksgefühls. Ihre engsten Freunde sind Liebe, Zuneigung und Dankbarkeit.

Das übertrieben bemühte Ausblenden aller negativen Nachrichten, tragischer Geschichten, ob wahr oder erdacht, wird uns nicht glücklicher machen. Denn gerade das Wissen darum, das Erkennen, Erdulden und Aushalten und, in idealer Überhöhung, das bewusste Gegensteuern und der aktive Einsatz für das Gemeinwohl oder zumindest für das, was wir lieben, macht uns – wenn wir Glück haben – glücklich.  

Glückseligkeit findet man am ehesten, wenn man sie nicht sucht. Sie lässt sich nicht im Tagebau ausbeuten, sie ist eher der zufällige Fund eines wertvollen Goldnuggets im Fluss. 🐞

Macht unsere stete Suche nach Glückseligkeit, nach Zufriedenheit und nach Antworten auf die großen Lebensfragen  überhaupt Sinn? Wenn wir nicht gerade geübte und geschulte Philosophen sind, verheddern wir uns da nicht vielmehr und geraten um so eher ins Straucheln? Ich versuche derzeit, meine, ohnehin nie übermäßig komplizierten, Gedankengänge zu vereinfachen, denn darin liegt für mich der Schlüssel für ein zufriedeneres Dasein. Ich sorge für Minimalismus im Kopf für maximales Glücklichsein im Herzen! Das klingt, als wollte ich mein Gehirn ‚weichspülen‘, aber ich meine Minimalismus im Sinne von Aufräumen, Struktur geben, Klarheit erreichen und Fokus setzen.

Als allgemeine Spätzünderin habe ich auch erst mit weit über dreißig Jahren zum freudvollen Schreiben gefunden, sehe ich einmal von meinen infantilen Gedichten ab, die ich längst zusammen mit alten Schulheften und Zeichnungen dem Altpapier übereignete. Nicht täglich geführte Diarien, mal ein kleines Theaterstück für das Kasperle-Theater des Kindergartens, mit dem ich mich über mein Kind verbunden fühlte und für den ich mich damals sehr engagierte, oder kleine Kindergeschichten für die Schublade, entstanden. Dann kam eine lange Ruhephase, weil ich für ein neues Thema lichterloh brannte, in das ich meine gesamte Energie steckte. Als mir meine Angststörung erbarmungslos in dieses Herzensprojekt grätschte, besann ich mich wieder auf das ‚Nichttagebuch‘ und Geschichten, die nun immer länger wurden. Inlatan – Die Nacht dazwischen, eine Geschichte für Kinder, entstand 2016 bei Amazon-Selfpublishing. Inzwischen habe ich es aus etlichen Gründen schamvoll zurückgezogen, um ihm in überarbeiteter Fassung, eines Tages eine neue Chance zu geben. Allmählich quoll der Kopf über und zahlreiche Projekte und Plots formten sich, noch amorph und ungestalt, aus der lehmgleichen ‚grauen Masse‘. 

Ich lernte. Zum Beispiel, wie wichtig Social Media ist und wie ein Blog das Schreiben ergänzen kann. Doch stolperte ich während der Arbeit an meinen Romanprojekten immer wieder über meine – hier erstmals im März, unter dem Beitrag Mein Weg mit der Angst, offengelegte – Angststörung. Etliche wichtige Schritte auf dem Weg zu gewünschten Veröffentlichungen werde ich nie gehen können, und solange ich das für mich behalte, kann sich natürlich kein Verständnis entwickeln. Aus dieser Überlegung heraus, entsteht derzeit das Buch, das vor anderen geschrieben werden muss und auf dessen Inhalt ich mich jederzeit berufen will. Ein ganzes Buch für den gleichen Zweck, wie das ärztliches Attest, das ich in meiner Schulzeit nachweisen musste, wenn ich gelegentlich verletzungsbedingt vom Sportunterricht befreit sein wollte. 😀

Es ist ein autobiografisches Buch, das sich wegen bestimmter Eigenschaften am treffendsten mit der Genrebezeichnung ‚das besondere Buch‘ beschreiben lässt, und erzählt, warum ich nie wieder eine Buchmesse besuchen kann, warum ich niemals eine Lesung bestreiten werde, warum ich persönliche Kontakte nicht ‚auf die Kette kriege‘, aber auch davon, dass junge Autoren Verlagen nicht per se einen Goldeselstatus verheißen und, wie in meinem Fall, höheres Alter nicht bedeutet, vor der Tastatur zu hocken und zu warten, dass das Licht ausgeht! Man kann von mir erwarten, was ich mir zumute und andere mir zutrauen. Das Buch ist zugleich eine Hommage an die Durchschnittlichkeit, denn wir alle laufen Gefahr, ins Netz der medialen Rattenfänger zu gehen, deren süße Melodien von Perfektion und Größe uns locken und verführen: Das perfekte Dinner, die perfekte Hochzeit, die große Liebe, das größte Abenteuer, die fernste Reise, das vollkommene Glück, nextTop-Model, next Superstar, Bestseller-Autor, Top-Influencer, beliebtste/r Was-auch-immer – die Liste ist so lang wie unsere Träume kurz. Begehrlichkeiten werden geweckt und auf die erlebte Realität folgt bittere Enttäuschung. Nur wer sich diesem krankmachenden Druck nach mehr, mehr, mehr widersetzt, sich auf sein engstes Umfeld fokussiert, erkennt den Irrwitz dieses unsinnigen Strebens. 

Das Manuskript liegt fertig vor mir und giert noch nach einigen Durchsichten meinerseits, weil ich es einfach nicht loslassen kann. Je näher das Finale heranrückt, desto unsicherer werde ich; an einem Tag halte ich es für Müll, am folgenden für akzeptabel und dann bin ich wieder voller Überzeugung. Dann fällt mir plötzlich ein, was noch hinein gehört und streiche stattdessen radikal anderes heraus. Ich glaube, das ist normal für einen so persönlichen Text. Einige Tage, eher Wochen bleiben mir noch, denn ich muss die Vorgehensweise der Folgeschritte planen. Aber dann kommt die Zeit, es gehenzulassen, damit ich endlich frei werde, um die fiktiven Romane zu schreiben, die dieses Sachbuch überhaupt notwendig machten. 

Wie sicher die meisten von uns, habe ich reichlich Traurigkeit und innere Zerrissenheit geschmeckt und bin dennoch (oder gerade deshalb) mit reichen, intensiven Gefühlen beglückt worden. Ob es Glückseligkeit ist, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall ist es Dankbarkeit! Solange ich für etwas brennen kann, so lange wird dieses Gefühl andauern! Minimalistisches Denken bedeutet für mich unter anderem die Befreiung vom Zwang, andere beeindrucken oder gefallen zu wollen. Denn auch für das sorgenvolle, ewig suchende Denken gilt (Achtung, Heather reimt, brrr … ): 

Zwischen Nichts und Überfluss, liegt der Zufriedenheit Genuss. 🐞

4 Kommentare zu „Minimalistisch maximal glücklich

  1. Liebe Heather,
    Deine Zweifel und Unentschlossenheit kann ich gut nachvollziehen. Ging es mir doch nicht anders. 😉 Aber so wie ich Dich aus Deinen Beiträgen kennengelernt habe, bin ich überzeugt, dass Dein Buch gut geworden ist und dass es jetzt wirklich nur noch von Dir „losgelassen“ werden muss. Ich drücke Dir die Daumen für Deinen Erfolg und für Dein ganz persönliches Glück. 😊👍
    Herzliche Grüße
    Rosa
    PS: Also, ich bin an Deinem Buch sehr interessiert. 😉

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    1. Ach, liebe Rosa,
      Dein Zuspruch bedeutet mir viel – hab´ Dank dafür und die lieben Wünsche! Hat das Loslassen Deiner ersten autobiografischen Veröffentlichung, bei Dir zu einer Art ‚Erleichterung‘ (sofern das überhaupt möglich ist) durch das (Mit-)Teilen der Last geführt? Wurden peu à peu Kopf und Herz minimal leichter, vielleicht durch Gespräche über Deine Texte? Gab es Momente, wo Du dachtest, hätte ich doch dies oder das anders formuliert oder womöglich ungesagt gelassen? Diese Gedanken treiben mich derzeit um und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht umformuliere oder womöglich am liebsten neu beginnen würde. Andererseits strebe ich nach dem beschriebenen ‚Minimalismus in meinem Kopf‘ und ersehne die gedankliche Freiheit, wenn ich das Projekt endlich los bin🙃! Ich fürchte allerdings, jetzt kommen neue Hürden auf mich zu. Ich bin auf der Zielgraden, aber bis zum fertigen Endprodukt wird es noch ein wenig Zeit ins Ländle gehen.
      Ganz 💚-liche Grüße,
      Heather

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      1. Liebe Heather,
        Deine ersten zwei Fragen kann ich mit „Ja“ beantworten. Zu beachten ist aber auch, dass mein Buch Dinge enthält, die einige meiner Familienmitglieder betrifft – das kostete mich eine große Überwindung und stieß auf Empörung (das habe ich geahnt) – einerseits. Andererseits fanden doch die meisten aus meiner Familie, dass es richtig war, das Buch zu veröffentlichen. Auf die 3. Frage würde ich mit „Nein“ antworten. Ich finde immer noch, so wie ich es geschrieben habe, so ist es gut. Lediglich die Fehler im Text stören und ärgern mich, man hätte sorgfältiger korrigieren sollen, aber da habe ich selbst nicht richtig aufgepasst.
        Ich kann Dich nur darin bestärken – Dein Schreiben sind Deine Gedanken, Deine Empfindungen und wenn sie rausmüssen, dann sollst Du sie freilassen. Gut, an den Formulierungen kann man unendlich lange feilen, das tue ich auch.
        Vielleicht möchtest Du mir einen Auszug schicken? Vielleicht kann ich etwas dazu sagen. 😉 Aber nur, wenn Du möchtest.
        Herzliche Grüße
        Rosa

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      2. Vielen Dank, liebe Rosa, für die offenen Antworten, die mir helfen, mich zu trauen! Dass einige Deiner Angehörigen mit Empörung reagiert haben, ist für Dich sicher doppelt traurig, aber aus ihrer selbstschützenden Sicht nachvollziehbar. Mit der Wahrheit findet man immer beides, Unterstützung und Verleugnung.
        Auf Dein so freundliches Angebot komme ich vielleicht tatsächlich zurück, wenn ich mich endlich entschieden habe, wie es weitergehen soll und die Überzeugung, mein Bestes gegeben zu haben, erstarkt ist. Auf jeden Fall lesen wir wieder voneinander!!
        Liebe Grüße,
        Heather

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