Goldene Hochzeit

Es gibt sie noch, die perfekte, die lebenslange Ehe! Nicht in pompös aufgemachten Hochglanzmagazinen oder Boulevard-Nachrichten. Ihre Lebensdauer wird auch nicht öffentlich zur Schau gestellt und mit Anzeigen oder Empfängen, mit Festschmaus, Kaffee und Kuchen gefeiert, denn sie existiert ganz bescheiden im Verborgenen. Wenn wir sie wahrnehmen, so reagieren die meisten von uns über ihre Unscheinbarkeit enttäuscht, manche finden sie sogar abstoßend und wollen ihr auf den Leib rücken. Dabei könnten wir uns von ihnen, wie so oft aus der Natur, etwas abgucken, etwas lernen.

Da man sich heute schnell bezüglich eines Ehe-Themas in die sprachlichen Gender-Nesseln setzen kann, rette ich mich ins Semi-Englische: The Alge und the Pilz sind eine wundervolle Liaison eingegangen und gehen fortan gemeinsam als the Flechte durchs Leben. Symbiose – das Zusammenleben zweier Arten zu gegenseitigem Nutzen, bezeichnet es die Naturwissenschaft. Bis dass der Tod uns scheidet, gelobt der Mensch und meint ebenfalls  gemeinsamen Nutzen und Wohlergehen. Stirbt einer, so ist auch der andere verloren? Nach sehr vielen gemeinsam verbrachten Beziehungsjahren, selbst wenn sie nicht alltäglich mit der jugendlichen, heiß brennenden Liebe zelebriert wird, trifft das traurigerweise häufig zu. Meine Mutter überlebte meinen Vater nur ein Jahr, beide starben jeweils kurz vor ihrem achtzigsten Geburtstag und in unserem Freundes- und Bekanntenkreis höre ich auch immer wieder davon. Der Tod holt sich bei einer symbiotischen Beziehung oft gleich zwei Opfer! 

Bezüglich meiner, zugegeben sehr vereinfacht dargestellten, Flechten-Metapher, liebe ich einerseits die Idee der Verdopplung der einzeln vorhandenen Fähigkeiten zweier Individuen zum nützlichen Gewinn neuer, zusätzlicher. The Alge bringt die Photosynthese in die Ehe ein, zu der the Pilz nicht befähigt ist, und er sichert dafür die Wasser- und Mineralstoffernährung, da the Algen oder Cyanobakterien keine Wurzeln bilden können. Biologen nennen das eine Hunger-Symbiose, da sie sich zum Überleben benötigen. In der Sprache der Menschen: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.« 

Sie mögen nicht so aussehen, aber Flechten sind dabei nicht parasitär – sie ernähren sich nicht von dem Baum oder dem Strauch, auf dem sie siedeln (weshalb sie auch auf Steinen leben können) und schaden ihm auch nicht primär. Dennoch gehen wir ihnen im heimischen Garten gerne an ihre blätterige oder schlauchförmige Gestalt, um sie zu entfernen. Wir sortieren Arten einzig nach ihrer Optik. Wir selektieren und bestimmen schließlich, was »Unkraut« und was nützliches Kraut ist. Auf der NABU-Website las ich: »Mehr als die Hälfte unserer heimischen Flechten werden laut Roter Liste als gefährdet eingestuft. Sie bedürfen daher einer viel stärkeren Aufmerksamkeit als ihnen bislang zuteil wird.« Mich hat genaues Hinschauen inspiriert – etwas, das sich immer lohnt! 😉

Wer oder was berechtigt uns überhaupt zu oberflächlichen Ausgrenzungen und wie weit gehen wir?

2 Kommentare zu „Goldene Hochzeit

  1. So viele haben verlernt hinzusehen. Betrachte den durchschnittlichen, meist jüngeren, Smartphone-User einmal genauer. Es wird nur noch gewischt, aber kaum noch gelesen. Die Texte müssen möglichst kurz und kompakt sein, wobei aber der Zauber häufig verloren geht.

    Es ist eine Art Darwinismus, aber auf die ungesunde. Das Nachdenken fehlt so häufig inzwischen und wohin soll das alles führen? Eine Art Mono-Kultur? Wie gut das gutgehen kann, sehen wir in der Landwirtschaft – auf Dauer nämlich gar nicht!

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  2. Das Schlimme ist, dass sogar Emails und Nachrichten nicht mehr aufmerksam bis zu Ende gelesen werden. Kommunikation wird dadurch immens schwierig, wenn man jede Frage mehrmals stellen muss! Doch wo eine Änderung, einen Wandel initiieren?

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