(Ver)wunsch

Fast liegt er hinter uns. Der Monat des Wünschens, der Monat des Gebens und Nehmens. Die letzten Tage bevor wir uns wieder von einem Jahr verabschieden und ein neues begrüßen. Die letzten Tage »zwischen den Jahren«, in denen wir uns, durch die Mund-Nase-Maske etwas vernuschelt, ein »Frohes Neues!« zurufen.

Viele sagen: »Na, das Jahr konnte man ja wohl in der Pfeife rauchen, gut, dass es vorüber ist. Es kann im nächsten nur besser werden!« Hinter uns liegt ein Jahr des weltweit kollektiv erlebten Grauens und das empfinden wir naturgemäß bedrohlicher und verstörender, als Katastrophen-Nachrichten, in die nur eine kleinere Gemeinschaft involviert ist. Ein Flugzeugabsturz, ein Erdbeben, ein Lawinenunglück, ein Tsunami, eine regionale kriegerische Auseinandersetzung, Flüchtingsdramen … Nachrichten, die uns kurz erschrocken innehalten lassen, gerade ausreichend für ein betroffenes Gespräch beim Arzt, beim Bäcker oder Mädels-/Männerabend. Dass uns diese Dinge nicht dauerhaft anhaften, sondern Tropfen für Tropfen an uns abperlen, liegt an dem Lotuseffekt unserer Seele, der ein tiefes Eindringen zum Selbstschutz unterbindet. Würden wir jede Katastrophe so dicht an uns heranlassen wie eine persönliche, so wären wir über kurz oder lang handlungsunfähig und gingen an dem Schmerz zugrunde. Aber Vorsicht! Der Grat zur Gefühlskälte, zur Abstumpfung, zur Verrohung und zur Gleichgültigkeit oder Kaltschnäuzigkeit ist verdammt schmal! Wir sind schon auf dem Weg, eiskalte Rechner und Statistiker zu werden, die erst ab einer gewissen Opferzahl emotional anspringen oder wenn sich der Entfernungsradius zu unserem Mittelpunkt drastisch verkürzt. Dieses Verkürzungseffekts bedienen sich die Medien, indem sie Katastrophen und Dramen Gesichter und Biografien geben, damit sie bei uns überhaupt noch Reaktionen auslösen. Ich habe mich oft gefragt, ob uns tatsächlich ein Einzelschicksal noch ehrlich berührt oder mehr das neue kollektive Ausleben der Trauer! Lernen wir durch den Community-Zwang beim Posten eines schwarzen Bildes oder einer brennenden Kerze wirklich echte Empathie? Und bewirkt dieses Gruppending etwas und setzt etwas wirklich Echtes, Gutes in Gang?

Das Virus-Biest hat uns erstens gelehrt (es werden noch etliche Lektionen anderer »Lehrer« folgen), dass wir in der Realität Naturgewalten kaum etwas entgegensetzen können. Wir agieren nicht, wir reagieren nur und hinken immer ein Stück hinterher. Eine Demutsübung. Zum Zweiten haben wir unangenehme, verdrängenswerte Dinge über unseren eigenen Charakter gelernt. Wenn uns etwas nicht ganz persönlich bedroht, nehmen wir keine Rücksicht. Wir x-mas-shoppen allen Warnungen zum Trotz, wir machen Party, wir verreisen … und basteln aus den begangenen Fehltritten zur Tarnung noch ein Recht auf Selbstbestimmung, für das ein paar Covidioten sogar auf die Straße gehen. Der Preis, den unsere Spaßgesellschaft dafür zahlt, ist hoch, aber (noch) angenehm anonym. 

Unsere Trauerbereitschaft scheint abhängig von Opferzahlen zu sein. Werden sie andererseits zu hoch, so sind wir nicht mehr in der Lage, sie zu in ihrer vollen Tragweite zu begreifen. Und wie wir Flächen in Fußballfeldmaße umrechnen, könnten wir die Tragik der COVID-19-Todesopfer beispielsweise in Airbus-Passagiere oder Stadtgrößen umrechnen, um eine fassbarere Einschätzung zu erhalten. 

So wurden bis zum heutigen Tag (30.12.2020), beginnend mit dem 01.03.2020, in Deutschland insgesamt 32.107 Todesfälle registriert (Zahlen-Quelle: RKI), davon allein in den letzten 24 Stunden 1.129. Innerhalb eines Tages entspräche das umgerechnet einem komplett ausradierten Dorf und weit mehr, als es tote Passagiere beim Absturz eines Airbus A380 gäbe. An einem einzigen Tag! Alle Opfer der vergangenen 10 Monate entsprächen den Passagierzahlen von fast 38 Airbus A380 oder der Einwohnerzahl einer Stadt der Größe von Naumburg/Saale, Hoyerswerda oder Bad Nauheim!

Wir werfen kurz einen Blick über den Atlantik in die USA: Der entsetzliche Terroranschlag vom 11.September 2001 hat 2.753 (Quelle: Wikipedia) Todesopfer gefordert. Die Gesamtzahl der bisherigen COVID-19-Todesfälle in den USA entspräche somit etwa 122 solcher Ereignisse oder etwa 394 Airbus-Abstürzen oder der Einwohnerzahl einer Stadt der Größe Bielefelds. Die öffentliche Betroffenheit fällt jedoch weltweit für die Virusopfern deutlich geringer aus, als sie es bei den »Vergleichsereignissen« wäre.

Eine Statistik des Grauens, ich weiß. Und natürlich sind die Ereignisse, die dazu geführt haben, nicht vergleichbar. Aber der Schmerz eines einzeln herausgenommenen Schicksals durchaus. Alle Opfer hatten Familie, Angehörige, Freunde – ein soziales Umfeld, ein einzigartiges, wichtiges Leben. Empathie schert sich nicht um Statistik. Empathie ist an den Nächsten gebunden. Ein einzelnes Schicksal ist genauso zu betrauern, wie zehn, hundert, tausend, Tausende oder gar, wie die finstersten Kapitel der Geschichte erzählen, Millionen.

Das ausklingende Jahr hat uns das Coronavirus SARS-CoV-2 beschert, aber auch andere erinnernswerte, negative und positive Höhepunkte. Wie in jedem Jahr wurde nicht nur gestorben und geweint. Nein, es wurde gelacht, Leben wurde geboren und es wurde gefeiert. Anders, aber anders ist noch keine Wertung. Wir werden doch noch über soviel Flexibilität verfügen, um uns befristet anzupassen? So haben wir Dankbarkeit gelernt gegenüber den Menschen, die in dieser Krise über sich selbst hinaus gewachsen sind. 

Jedes Jahr wünschen wir uns selbst und gegenseitig viel Glück, Erfolg, Gesundheit und Zufriedenheit für das kommende Jahr. Obwohl wir genau wissen, dass wir nichts wissen – also alles ungewiss ist! Wir werden trotzdem Pechsträhnen haben, wir werden uns mit Krankheiten herumschlagen müssen und rechnen müssen. Unser Aberglauben lässt uns Glücksklee schenken, rosa Glücksschweinchen aus Marzipan und Schornsteinfeger aus Pfeifenputzerdraht und natürlich sind wir für gute Wünsche von Herzen dankbar – wäre schlimm, wenn nicht. Aber auf das Glück haben wir dennoch keinen Einfluss (auch wenn Esoteriker uns das glauben machen wollen), aber wir könnten an unserer Stärke und Kraft arbeiten, damit uns nicht schon der Anflug einer Krise umpustet. Wir können unsere Resilienz stärken und trainieren, um über Werkzeuge oder Waffen zu verfügen, die uns helfen, uns selbst aus Tiefpunkten herauszuhelfen. Die wenigsten von uns können die ganze Welt retten, aber wir könnten in unserem kleinen sozialen Umfeld einen empathischen Blick auf unsere Nächsten haben, um unsere Widerstandsfähigkeit mit ihnen zu teilen, sollte ihre eigene nicht ausreichen. Es werden noch etliche schwere Herausforderungen, zahlreiche Tragödien auf spätere Generationen warten. Die Erkenntnis, dass sie uns trotz ihrer Vernichtungskraft auch ein wenig helfen, uns selbst zu erkennen und unsere Menschlichkeit zu trainieren, ist schmerzhaft und erscheint oft unfair. Aber das Leben ist nicht fair! Es ist. Wir dürfen wünschen, aber nichts verlangen.

Auch ohne heidnisches Geböller werden wir das alte Jahr verwünschen und »austreiben« und ein neues hoffnungsvoll begrüßen. In aller Stille! Ist neu, doch deshalb nicht schlecht – nur anders. Hund und Katz´, Geldbeutel und Notaufnahmen jubilieren. Silvester mal ganz nach ihrem Geschmack! Erfinden wir etwas Neues, sein wir wieder kreativ.

Euch wünsche ich in diesem Sinne, ganz schlicht Resilienz, Stärke und Kraft für die kommenden 365 herausfordernden Tage und Nächte und immer einen scharfen Blick, nicht auf ferne Communitys und anonyme Plattformen, sondern auf Euch und Eure Nächsten!

Kling 🥂! (Auch weil´s der 50ste Beitrag meines Blogs ist.)

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